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Drei Minuten – Dynamiken, Prävalenz von und Schutzmassnahmen vor Cybergrooming .

Autorin: Franziska Oehmer-Pedrazzi


Der Titel der Tagung im Tetris-Stil; Bild generiert mit ChatGPT
Der Titel der Tagung im Tetris-Stil; Bild generiert mit ChatGPT

Drei Minuten. So lange dauert es im Durchschnitt von der ersten Kontaktaufnahme eines Pädosexuellen mit einem minderjährigen Kind im Internet bis zum ersten sexuellen Kommentar (Schweizerische Kriminalprävention, SKPPSC). Drei Minuten sind kaum länger als die Wartezeit an einer roten Ampel oder das morgendliche Zähneputzen – – und sie genügen, um aus einem unverfänglichen Kontakt eine sexualisierte Annäherung mit potenziell gravierenden Folgen zu machen. Cybergrooming ist kein Randphänomen, sondern eine reale und verbreitete Gefahr in digitalen Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen.


Was unter Cybergrooming verstanden wird

Grooming bezeichnet die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener zu Minderjährigen mit dem Ziel, Vertrauen aufzubauen, um sexuelle Handlungen vorzunehmen oder das Opfer sexuell auszubeuten. Heute geschieht dies überwiegend online – als sogenanntes Cybergrooming. Moosburner et al. (2025) definieren Cybergrooming als wiederholte, manipulative Strategien über Informations- und Kommunikationstechnologien, mit denen junge Menschen beeinflusst werden, um sexuelle Kontakte anzubahnen. Es handelt sich also nicht um spontane Grenzüberschreitungen, sondern um strategisch geplante Prozesse.


Das Ausmass: Eine alltägliche Grenzüberschreitung

Die empirischen Befunde aus der Schweiz und Deutschland zeigen, dass es sich bei Cybergrooming nicht um Einzelfälle handelt.

Die JAMES-Studie 2024 der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Külling-Knecht et al., 2024) dokumentiert für die Schweiz:

  • 36 % der Jugendlichen wurden in den letzten zwei Jahren mindestens einmal nach dem Aussehen ihres Körpers gefragt.

  • 33 % erlebten, dass Fremde online über Sex sprechen wollten.

  • 32 % wurden mit sexuellen Absichten angesprochen.

  • 26 % wurden aufgefordert, erotische Fotos zu verschicken.

  • 8 % wurden vor der Webcam zu sexuellen Handlungen aufgefordert.

  • 3 % berichten von Sextortion (Erpressung mit erotischen Medien)

Diese Zahlen machen deutlich: Sexuelle Grenzüberschreitungen im digitalen Raum gehören für viele Jugendliche zur Erfahrungsrealität.

Ähnliche Befunde liefert die 5. Befragungswelle der Landesanstalt für Medien NRW (2025). Demnach war fast ein Viertel der Minderjährigen mindestens einmal von Cybergrooming betroffen. Jede bzw. jeder Siebte wurde von einer erwachsenen Person zu einem realen Treffen aufgefordert. Sieben von hundert Minderjährigen wurden bereits aufgefordert, sich vor der Kamera auszuziehen, und mehr als jede bzw. jeder Achte erhielt Nacktbilder von Erwachsenen.

Eine systematische Meta-Analyse von Schittenhelm et al. (2025), die internationale Studien zusammenführt, kommt zu dem Ergebnis, dass mindestens jeder zehnte junge Mensch Cybergrooming-Viktimisierung erlebt. Die Forschenden identifizieren zudem Risikofaktoren: Mädchen sind häufiger betroffen, ebenso ältere Jugendliche, junge Menschen mit problematischer Internetnutzung, geringerer psychischer Stabilität oder mit Erfahrungen anderer Gewaltformen. Cybergrooming tritt damit häufig im Kontext bereits bestehender Vulnerabilitäten auf.


Wo Täter:innen ansetzen – und wer sie sind

Cybergrooming findet dort statt, wo Jugendliche kommunizieren: in sozialen Medien, in Online-Games, in Chat-Apps. Laut Landesanstalt für Medien NRW (2025) erleben Opfer Cybergrooming vorrangig in sozialen Medien; besonders häufig werden Snapchat und Instagram genannt.

Die systematische Übersichtsarbeit von Moosburner et al. (2025) zu Tätermerkmalen zeigt ein differenziertes Bild: Täter:innen waren überwiegend männlich, im Durchschnitt etwa 30 Jahre alt, häufig ohne einschlägige Vorstrafen und teilweise mit psychischen Belastungen.

Typischerweise beginnt der Kontakt harmlos: Ein Kompliment, ein geteiltes Interesse, Verständnis für schulische oder familiäre Probleme. Täter:innen geben sich oft als gleichaltrig aus – mehr als jedes dritte Opfer berichtet laut der Landesanstalt für Medien NRW (2025), dass sich die kontaktierende Person zunächst als Gleichaltrige:r ausgegeben habe. Andere treten als Fotograf, Modelagent oder Talentscout auf. Ziel ist es, eine emotionale Beziehung – real oder vorgetäuscht – aufzubauen, bevor Gespräche schrittweise sexualisiert werden. Sind intime Bilder oder Videos einmal im Umlauf, folgen nicht selten Druck oder Erpressung. Sextortion – also die Drohung, Bilder zu veröffentlichen – ist eine besonders perfide Eskalationsstufe digitaler Gewalt.


Schutz und Prävention: Verantwortung teilen

Cybergrooming wirksam zu begegnen bedeutet, früher anzusetzen als das Strafrecht. Zwar erfasst das Schweizer Strafgesetzbuch zentrale Tatbestände – etwa sexuelle Handlungen mit Kindern (Art. 187 StGB), das Zugänglichmachen von Pornografie an unter 16-Jährige (Art. 197 Abs. 1 StGB), das unbefugte Weiterleiten intimer Inhalte (Art. 197a StGB) sowie bereits den Versuch einer sexuellen Verleitung (Art. 22 StGB). Doch Gesetze greifen meist erst, wenn eine Grenzverletzung bereits erfolgt ist. Prävention muss vorher ansetzen.

Ein zentraler Baustein ist die Förderung von Medienkompetenz. Nach Dieter Baacke umfasst sie die Fähigkeit, Kommunikationsmittel sachgerecht, kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen. Im Kontext von Cybergrooming bedeutet das vor allem, Manipulationsstrategien zu erkennen, das eigene Online-Verhalten zu reflektieren und Risiken einschätzen zu können. Diese reflexive Kompetenz kann dazu beitragen, Opferwerdung zu verhindern. Gleichzeitig darf die Verantwortung nicht auf Kinder und Jugendliche abgeschoben werden – sie brauchen erwachsene Begleitung.

Eltern und Lehrpersonen sind gefordert, digitale Räume als Teil der Lebenswelt ernst zu nehmen, Gespräche zu ermöglichen und klare Schutzregeln zu etablieren. Niederschwellige Beratungsangebote wie ZEBRA (Landesanstalt für Medien NRW) unterstützen dabei: Fragen werden dort persönlich von Fachpersonen aus Medienpädagogik, Kommunikationswissenschaft und Medienrecht beantwortet – nicht automatisiert.

Auch Plattformen stehen in der Pflicht. Transparente und leicht zugängliche Meldeverfahren, wirksame Schutzvoreinstellungen für Minderjährige und nachvollziehbare Moderationsprozesse sind zentrale Ansatzpunkte. Besonders problematisch sind Kommunikationsformen mit automatischem und schnellem Löschen von Inhalten – wie sie etwa bei Snapchat verbreitet sind. Die scheinbare Flüchtigkeit von Nachrichten kann für pädokriminelle Täter besonders attraktiv sein, da sie ein geringeres Entdeckungsrisiko suggeriert. Hier sind technische und regulatorische Massnahmen erforderlich, die Schutz nicht dem Zufall überlassen.



Literaturverzeichnis

Külling-Knecht, C., Waller, G., Willemse, I., Deda-Bröchin, S., Suter, L., Streule, P., Settegrana, N., Jochim, M., Bernath, J., & Süss, D. (2024). JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien: Erhebung Schweiz. Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. (2025). Kinder und Jugendliche als Opfer von Cybergrooming: Zentrale Ergebnisse der 5. Befragungswelle 2025. https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/Forschung/Cybergrooming/LFM_Cybergrooming_Studie_Mai_2025.pdf


Moosburner, M., Weber, C., Kuban, T., Wachs, S., Schmidt, A. F., Etzler, S., & Rettenberger, M. (2025). Understanding cybergrooming: A systematic review of perpetrator characteristics, strategies, and types. Trauma, Violence, & Abuse. Advance online publication. https://doi.org/10.1177/15248380251316223


Schittenhelm, C., Kops, M., Moosburner, M., et al. (2025). Cybergrooming victimization among young people: A systematic review of prevalence rates, risk factors, and outcomes. Adolescent Research Review, 10, 169–200. https://doi.org/10.1007/s40894-024-00248-w


ZEBRA – Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt im Internet. (o. J.). Cybergrooming. https://www.fragzebra.de/themenwelt/cybergrooming

 

Transparenz zum Einsatz von KI für diesen Beitrag:

Der Text wurde durch ChatGPT Korrektur gelesen. Zudem wurden Vorschläge für einzelne Formulierungen von Chat GPT übernommen.


Mithilfe von ChatGPT wurde die Illustration erstellt.


 
 
 

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