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Im digitalen Hasenbau: Rabbit Holes und das Suchtpotenzial sozialer Medien

Autorin: Franziska Oehmer-Pedrazzi & Stefano Pedrazzi


Eine Illustration der Struktuwandel der Öffentlichkeit; Bild generiert mit ChatGPT
Eine Illustration der Struktuwandel der Öffentlichkeit; Bild generiert mit ChatGPT

Der Facebook-Konzern Meta und die Google-Videoplattform YouTube haben kürzlich eine Niederlage in einem US-Gerichtsverfahren erlitten: Beide Plattformen wurden dafür verantwortlich gemacht, die Depression einer Teenagerin verschlimmert zu haben. Das Urteil verpflichtet die Unternehmen zur Zahlung von mindestens drei Millionen Dollar Schadenersatz (SRF, 2026).


Der Fall wirft eine grundlegende Frage auf: Welche Rolle spielen die Strukturen sozialer Medien bei der Entstehung suchtähnlicher Nutzungsmuster?



Um zu verstehen, warum diese Diagnose so wichtig ist, lohnt sich ein kurzer Blick auf die früheren Strukturwandel.


Von „Siechsein“ zur Verhaltenssucht

Der Begriff „Sucht“ hat eine lange Geschichte. Ursprünglich leitet er sich vom altdeutschen Wort „siech“ ab, das im 16. Jahrhundert allgemein für Krankheiten verwendet wurde (Tretter, 2017, S. 2). Heute unterscheidet die Forschung zwischen stoffgebundenen und stoffungebundenen Süchten. Letztere – auch Verhaltenssüchte genannt – umfassen Abhängigkeiten ohne Substanzbezug, etwa Glücksspiel oder exzessive Mediennutzung (Tretter, 2017, S. 10).

Im Gegensatz zu substanzgebundenen Süchten ist das Erkennen von Verhaltenssüchten schwieriger: Häufig handelt es sich um zunächst unproblematische, gesellschaftlich akzeptierte Aktivitäten, die erst durch ihre Intensität und Funktion problematisch werden. Von einer Abhängigkeit spricht man, wenn diese Aktivitäten andere Lebensbereiche verdrängen und soziale, berufliche oder finanzielle Probleme verursachen. Auch Social-Media-Nutzung kann in diesem Sinne suchtartige Züge annehmen.


Warum gerade Social Media? Psychologische und soziale Ursachen

Die Ursachen problematischer Nutzung sind vielfältig. Individuelle Faktoren wie geringes Selbstwertgefühl oder negative soziale Erfahrungen – etwa Mobbing – können die Flucht in digitale Räume begünstigen. Online-Umgebungen bieten Anonymität und Kontrolle über die eigene Selbstdarstellung, was insbesondere für Menschen mit niedrigem Selbstwert attraktiv ist (Andreassen et al., 2017).

Zudem erfüllen soziale Medien zentrale Bedürfnisse: Kontaktpflege, Informationssuche und die Überbrückung von Langeweile zählen zu den häufigsten Motiven. Eine besondere Rolle spielt dabei das Phänomen „Fear of Missing Out“ (FOMO) – die Angst, etwas zu verpassen, wenn man nicht ständig online ist.


Vom Scrollen ins Rabbit Hole: Plattformdesign als Suchtverstärker

Ein zentrales Merkmal moderner Plattformen ist die Fähigkeit, Nutzerinnen schrittweise tiefer in thematische oder emotionale Inhaltswelten hineinzuziehen – ein Effekt, der häufig als „Rabbit Hole“ beschrieben wird. Der Begriff bezeichnet das Phänomen, dass Nutzerinnen durch algorithmisch empfohlene Inhalte immer weiter in eine bestimmte Thematik „hineinrutschen“, oft ohne bewusste Entscheidung und mit zunehmender zeitlicher Intensität.

Rabbit Holes entstehen aus dem Zusammenspiel mehrerer plattformspezifischer Designprinzipien:

  1. Infinite Scroll. Endloses Scrollen erzeugt keinen natürlichen Punkt, an dem die Nutzung beendet wird. Inhalte werden kontinuierlich nachgeladen und bilden die strukturelle Grundlage für den Einstieg in ein Rabbit Hole.

  2. Algorithmische Personalisierung. Empfehlungssysteme analysieren das Verhalten der Nutzer*innen und präsentieren zunehmend passgenaue Inhalte. Dadurch werden bestehende Interessen verstärkt und Nutzungspfade vertieft.

  3. Soziale Bestätigungssysteme. Likes, Kommentare und Follower fungieren als soziale Belohnungen. Sie aktivieren grundlegende Bedürfnisse nach Anerkennung und Zugehörigkeit und verstärken die Motivation, innerhalb eines bestimmten „Inhaltskanals“ zu verbleiben.

  4. Push-Benachrichtigungen. Benachrichtigungen reaktivieren die Nutzung gezielt und führen Nutzer*innen zurück in bestehende Nutzungsschleifen – häufig direkt in bereits begonnene Rabbit Holes.

  5. Schnelle Reizwechsel. Kurzformate wie Reels oder TikTok-Videos bieten eine hohe Stimulationsdichte. Diese kontinuierliche Reizabfolge erleichtert den Übergang von einem Inhalt zum nächsten und beschleunigt das „Abrutschen“ in tiefergehende Nutzung.

In ihrer Kombination erzeugen diese Mechanismen einen digitalen Sog, der weit über klassische Mediennutzung hinausgeht. Nutzer*innen bewegen sich dabei nicht mehr linear durch Inhalte, sondern werden zunehmend in selbstverstärkende Nutzungsschleifen eingebunden.


Folgen: Zwischen Stress und Kontrollverlust

Die ständige Vernetzung führt bei vielen Nutzer*innen zu einem Gefühl ständiger Verpflichtung. Nachrichten müssen zeitnah beantwortet werden, was Stress und emotionale Belastung erzeugen kann. Gleichzeitig kann die Produktivität in Schule oder Beruf leiden.

Auch gesundheitliche Folgen sind dokumentiert: Bewegungsmangel, Schlafstörungen und ungesunde Lebensgewohnheiten treten bei exzessiver Nutzung vermehrt auf (Moll & Thomasius, 2019, S. 18). Hinzu kommt ein möglicher Realitätsverlust – Betroffene verlieren das Gefühl für Zeit und Selbstkontrolle (Moll & Thomasius, 2019, S. 27).

Nicht zuletzt zeigen Studien Zusammenhänge mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Werden digitale Medien entzogen, können zudem klassische Entzugserscheinungen wie Unruhe, Gereiztheit oder körperliche Symptome auftreten.


Prävention und Gegenstrategien

Da Mediennutzung bereits im Kindesalter beginnt, sollten auch Präventionsmassnahmen früh ansetzen. Ziel ist es, ein Bewusstsein für das eigene Nutzungsverhalten zu schaffen und für Risiken digitaler Medien zu sensibilisieren. Selbstbeobachtungsprotokolle können dabei helfen, die eigene Nutzung systematisch zu reflektieren.

Ein weiterer Ansatz ist das Konzept des „Digital Detox“: Durch bewusste Phasen ohne digitale Medien soll exzessiver Konsum reduziert sowie kognitive und emotionale Ressourcen gestärkt werden. Praktische Massnahmen reichen von Apps zur Nutzungsüberwachung über Workshops bis hin zu gezielten Offline-Zeiten.

Ein aktuelles Beispiel zeigt die praktische Umsetzung solcher Ansätze: In Österreich wurden Schülerinnen dazu aufgefordert, freiwillig für einen bestimmten Zeitraum ganz oder teilweise auf Smartphones zu verzichten. Rund 72.000 Schülerinnen beteiligten sich landesweit. Eine Schülerin berichtet: „Ich habe mich bei der Matheschularbeit um eine Note verbessert.“ Zudem verbringe sie mehr Zeit mit ihrer Familie und widme sich neuen Hobbys (Der Standard, 2026).

 



Quellen


Andreassen, C. S., Pallesen, S., & Griffiths, M. D. (2017). The relationship between addictive use of social media, narcissism, and self-esteem: Findings from a large national survey. Addictive Behaviors, 64, 287–293. https://doi.org/10.1016/j.addbeh.2016.03.006


Der Standard. (2026). Endspurt im Handyexperiment: Wie läuft’s ohne Smartphone? https://www.derstandard.de/story/3000000312169/endspurt-im-handyexperiment-wie-laeufts-ohne-smartphone


Külling-Knecht, C., Waller, G., Willemse, I., Deda-Bröchin, S., Suter, L., Streule, P., Settegrana, N., Jochim, M., Bernath, J., & Süss, D. (2024). JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Zürich: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.


Moll, B., & Thomasius, R. (2019). Kognitiv-verhaltenstherapeutisches Gruppenprogramm für Jugendliche mit abhängigem Computer- oder Internetgebrauch. Göttingen: Hogrefe.


Möller, C., & Hornemann, E. (2015). Entwicklungsfördernde Elemente – Überlegungen aus psychologisch-ärztlicher und pädagogischer Sicht und konkrete Anregungen bei Mediensucht. In C. Möller (Hrsg.), Internet- und Computersucht (S. 264–278). Stuttgart: Kohlhammer.



Tretter, F. (2017). Sucht. Gehirn. Gesellschaft. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

 

Transparenz zum Einsatz von KI für diesen Beitrag:

Der Text wurde durch ChatGPT Korrektur gelesen. Zudem wurden Vorschläge für einzelne Formulierungen von Chat GPT übernommen.


Mithilfe von ChatGPT wurde die Illustration erstellt.


 
 
 

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