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Zwischen Lernhilfe und Ablenkung: Was PISA 2025 über digitales Lernen zeigt

vor 5 Tagen
5 Min. Lesezeit

Autor:innen: Franziska Oehmer-Pedrazzi & Stefano Pedrazzi


Mehr als die Hälfte der 15-Jährigen in der Schweiz nutzt künstliche Intelligenz mindestens einmal pro Woche als Lernhilfe. Ein Viertel tut dies sogar täglich oder fast täglich. Die neuen PISA-Daten zeigen damit eindrücklich, wie schnell generative KI Teil des schulischen Alltags geworden ist.

Sie zeigen aber auch: Mehr Technik bedeutet nicht automatisch mehr Lernen.


ChatGPT war gerade einmal gut zwei Jahre öffentlich verfügbar, als im Frühjahr 2025 die Daten für die jüngste PISA-Studie erhoben wurden. Trotzdem gehörten KI-Chatbots zu diesem Zeitpunkt für viele Jugendliche bereits selbstverständlich zum schulischen Werkzeugkasten: 55 Prozent der befragten Jugendlichen in der Schweiz gaben an, KI mindestens einmal pro Woche zu nutzen, um sich beim Lernen helfen zu lassen. 25 Prozent tun dies sogar jeden oder fast jeden Tag. Damit liegt die Schweiz deutlich über dem OECD-Durchschnitt: Dort nutzen 46 Prozent der Jugendlichen KI mindestens wöchentlich als Lernhilfe.

PISA 2025 liefert nicht nur neue Zahlen zu Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Die Studie gibt auch einen aktuellen Einblick in eine Bildungswelt, die sich durch Digitalisierung und generative KI gerade grundlegend verändert.


Schweizer Jugendliche schneiden im Vergleich weiterhin gut ab

Zunächst die klassische PISA-Botschaft: Die Schweiz gehört weiterhin zu den leistungsstärkeren Bildungssystemen. Die 15-Jährigen erzielten 2025 durchschnittlich 501 Punkte in den Naturwissenschaften, 499 Punkte in Mathematik und 470 Punkte im Lesen. In allen drei Bereichen liegen sie über dem jeweiligen OECD-Durchschnitt. Auch beim erstmals ausgewiesenen modellbasierten beziehungsweise computational problem solving erreicht die Schweiz mit 520 Punkten ein überdurchschnittliches Ergebnis. Die langfristige Entwicklung fällt allerdings weniger erfreulich aus. Während die Leistungen in den Naturwissenschaften über die vergangenen zehn Jahre vergleichsweise stabil geblieben sind, sind sie in Mathematik und insbesondere im Lesen zurückgegangen. Die Ergebnisse von 2025 sind in diesen beiden Bereichen die niedrigsten, die für die Schweiz seit Beginn der entsprechenden PISA-Messungen beobachtet wurden. Gerade mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung ist das bemerkenswert. Denn Lesen bedeutet heute längst nicht mehr nur, längere gedruckte Texte zu verstehen. In einer digitalen Informationsumgebung müssen Jugendliche Informationen finden, auswählen, einordnen, vergleichen und ihre Glaubwürdigkeit beurteilen. Die OECD verweist deshalb selbst darauf, dass Lesekompetenz eine zentrale Voraussetzung dafür ist, Informationen in einer zunehmend digitalen Welt zu interpretieren und kritisch zu reflektieren.


Digitales Lernen ist Alltag

Das Projekt Digitale Geräte sind inzwischen fest in den Schweizer Schulalltag integriert. Schülerinnen und Schüler geben an, während eines Schultages durchschnittlich rund 1,9 Stunden digitale Geräte für Lernaktivitäten zu verwenden. Im OECD-Durchschnitt sind es 1,7 Stunden. Weitere 0,8 Stunden entfallen in der Schule durchschnittlich auf digitale Freizeitaktivitäten. Damit stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob digitale Medien in der Schule genutzt werden, sondern wie. Denn digitale Geräte können gleichzeitig Lernwerkzeug und Ablenkungsquelle sein. 26 Prozent der Schweizer Jugendlichen berichten, dass ihre Mitschülerinnen und Mitschüler in den meisten oder allen Naturwissenschaftsstunden durch digitale Geräte abgelenkt werden. Das liegt ungefähr auf Höhe des OECD-Durchschnitts von 28 Prozent. Auch ausserhalb des Unterrichts spielen digitale Medien eine zentrale Rolle. An Wochentagen verbringen in der Schweiz knapp die Hälfte der Jugendlichen täglich zwischen einer und drei Stunden in sozialen Netzwerken; rund ein Drittel gibt sogar mehr als drei Stunden an.

Digitalisierung ist damit kein abgegrenzter Bereich des jugendlichen Lebens mehr. Lernen, Kommunikation, Unterhaltung und Informationssuche finden zunehmend über dieselben Geräte und Plattformen statt.


Und dann kam die KI

Besonders deutlich wird dieser Wandel bei generativer künstlicher Intelligenz.

PISA fragte die Jugendlichen 2025, wie häufig sie KI-Chatbots – etwa ChatGPT – für verschiedene schulische Aktivitäten einsetzen. Am häufigsten dient KI als allgemeine Lernhilfe: 55 Prozent nutzen sie dafür mindestens einmal pro Woche, darunter 25 Prozent täglich oder fast täglich. Aber auch für konkretere Aufgaben ist KI bereits weit verbreitet. 40 Prozent der Jugendlichen führen mindestens wöchentlich eine Vorabrecherche zu einem neuen Thema mit KI durch, ebenfalls 40 Prozent lassen sich Texte zusammenfassen, die sie lesen sollten. 33 Prozent nutzen KI mindestens wöchentlich, um einen Entwurf für eine Schreibaufgabe zu erstellen. Je nach Tätigkeit greifen zwischen 12 und 15 Prozent sogar täglich oder fast täglich darauf zurück.

Nur neun Prozent der Schweizer Jugendlichen geben an, KI bei allen von PISA untersuchten schulischen Tätigkeiten nie oder fast nie einzusetzen. Im OECD-Durchschnitt sind es 14 Prozent. Die Zahlen machen deutlich: Für eine grosse Mehrheit der Jugendlichen gehört KI bereits zum schulischen Informations- und Lernrepertoire.


Mehr KI bedeutet nicht automatisch bessere Leistungen

Gerade deshalb wäre eine einfache Frage verlockend: Lernen Jugendliche, die KI nutzen, besser? Die PISA-Daten liefern darauf keine einfache Antwort. International zeigt sich zunächst, dass Schülerinnen und Schüler, die KI für einzelne konkrete Aufgaben überhaupt nicht verwenden, im Durchschnitt häufig höhere Leistungen erzielen als diejenigen, die sie nutzen. Betrachtet man KI dagegen allgemein als Lernhilfe, schneiden Jugendliche mit einer moderaten Nutzung teilweise ähnlich oder etwas besser ab als Jugendliche mit sehr geringer oder sehr intensiver Nutzung. Auch bei Recherche und Zusammenfassungen zeigt sich teilweise ein solches Muster: Moderate Nutzerinnen und Nutzer erreichen höhere Werte als sehr seltene oder sehr häufige Nutzerinnen und Nutzer. Das sollte allerdings keinesfalls so interpretiert werden, dass eine bestimmte Menge an KI-Nutzung automatisch zu besseren oder schlechteren Leistungen führt. PISA ist keine experimentelle Wirkungsstudie. Die Jugendlichen wurden nach ihrer Nutzung gefragt und absolvierten gleichzeitig Leistungstests. Zahlreiche andere Faktoren können sowohl die KI-Nutzung als auch die schulischen Leistungen beeinflussen. Vielleicht greifen Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten häufiger auf KI zurück. Vielleicht unterscheiden sich intensive und moderate Nutzerinnen und Nutzer in ihren Lernstrategien. Und vor allem sagt die Häufigkeit noch wenig darüber aus, wie die Technologie eingesetzt wird.

Die OECD formuliert die zentrale Herausforderung entsprechend: KI kann Lernprozesse unterstützen, wenn sie Denken, Feedback und Übung fördert. Problematisch wird es, wenn sie die eigentliche kognitive Arbeit ersetzt.

Entscheidend wird die KI-Kompetenz

Genau hier liegt möglicherweise einer der interessantesten Befunde von PISA 2025.

69 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz berichten, dass sie im Unterricht Gelegenheit hatten, die Qualität von KI-generierten Informationen zu beurteilen. Der OECD-Durchschnitt liegt bei knapp 63 Prozent. Die Schweiz gehört damit nicht nur bei der Nutzung, sondern auch bei schulischen Aktivitäten zur kritischen Auseinandersetzung mit KI zu den überdurchschnittlich aktiven Ländern.

Das ist relevant, weil kompetente KI-Nutzung mehr verlangt als gute Prompts. Nutzerinnen und Nutzer müssen einschätzen können, ob eine Antwort plausibel ist, auf welche Quellen die KI zugegriffen hat und welche fehlen, welche Verzerrungen enthalten sein könnten und wann eine Information überprüft werden muss. Und sie müssen entscheiden können, wann KI tatsächlich beim Lernen hilft – und wann sie einen Lernschritt lediglich übernimmt. Aus klassischer Informationskompetenz wird damit zunehmend auch KI-Kompetenz. International weist PISA allerdings auf eine weitere Herausforderung hin: Lerngelegenheiten zum kritischen Umgang mit KI sind sozial nicht gleich verteilt. Schülerinnen und Schüler aus privilegierteren Verhältnissen berichten häufiger von entsprechenden Möglichkeiten. Die OECD warnt deshalb vor einer möglichen neuen Form digitaler Ungleichheit – nicht allein beim Zugang zu Technologie, sondern bei der Fähigkeit, sie gewinnbringend zu nutzen.


 Die Frage lautet nicht: KI oder keine KI?

Die PISA-Ergebnisse sprechen deshalb weder für ein technikoptimistisches „mehr Digitalisierung“ noch für ein einfaches Zurück zur analogen Schule.

Sie legen vielmehr eine andere Frage nahe: Welche digitalen Praktiken unterstützen tatsächlich Lernen? Digitale Geräte können Zugang zu Wissen schaffen, komplexe Sachverhalte visualisieren, individuelles Feedback ermöglichen und Lernprozesse unterstützen. Sie konkurrieren aber gleichzeitig um Aufmerksamkeit. KI kann erklären, strukturieren und Rückmeldung geben – sie kann aber ebenso Recherche-, Schreib- und Denkprozesse verkürzen. Für Schulen dürfte deshalb weniger entscheidend sein, ob KI verwendet wird. Entscheidend ist, wofür, wie und mit welchem Lernziel.


 Methodensteckbrief: So wurden die Daten erhoben

Quellen:

OECD. (2026). PISA 2025 results (Volume I): Future-ready students. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/73451bc5-en

 


 
 
 

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